Die mediale Ausweitung der Kampfzone



(c) Sabine Lorenz

von Andreas Schwitzer,
Illustration von Sabine Lorenz

 

Michael Moore wollte für die Oscar-Verleihung auf eine Nominierung für den besten Dokumentarfilm und damit auf einen ähnlichen Spruch wie den bei seinem Oscar-Gewinn für Bowling for Columbine verzichten – vielleicht weil er glaubte, Bush wäre dann sowieso nicht mehr im Amt. Stattdessen ließ er seinen Film Fahrenheit 9/11 am Tag vor den amerikanischen Wahlen im Fernsehen ausstrahlen. Die Anti-Bush-Botschaft sollte ins Kurzzeitgedächtnis der Wählerschaft eingebrannt werden, die Politdokumentation als entscheidendes Zünglein an der Waage. Allein, es gelang ihm nur in Europa, wo wenige von uns eine Möglichkeit haben in den US-Wahlkampf einzugreifen.

Die politische Dokumentation erlebte mit Michael Moores Vorgänger. lm Bowling for Columbine beileibe nicht ihre Geburtsstunde, aber sie begann die Massen zu erreichen wie niemals zuvor. Schon Richard Nixon hatte in Emile de Antonio mit seinem Dokumentar. lm Millhouse: A White Comedy einen ähnlich erbitterten Kritiker gefunden wie George W. Bush in Michael Moore. De Antonio war ein unpopulistischerer Michael Moore und . lmte seit den 60er Jahren außer gegen >Tricky Dick< Nixon auch gegen Vietnam (The Year of The Pig) oder über das FBI (Mr. Hoover and I). Auch in anderen Ländern, vor allem im politisch im Aufbruch be. ndlichen Lateinamerika wurde in den 60er Jahren der politische Dokumentar- . lm - oftmals mit Fiktion vermischt - zum Instrument der Verbreitung linksgerichteter Weltanschauung. Der Quantensprung, der Michael Moore gelang – und über seine Methoden dazu lässt sich durchaus streiten – war den Dokumentar . lm aus Seitenschienen von Filmfestivals an die breite Öffentlichkeit zu bringen. Der Eintritt ins Megaplex-System, die Vermarktung der Dokumentation als Blockbuster waren ein bis vor wenigen Jahren undenkbares Szenario. Im Fahrwasser des Populisten Michael Moore - wenn auch mit völlig unterschiedlichem Anspruch – wurde die Politdokumentation zum Instrument der Meinungsbildung für die Massen. Jene Massen, die weder von kritischen Leitartikeln in der Presse noch von politischen Studien, die kaum beachtet in Archiven verschwinden, angesprochen werden.

Doch wie lässt sich der Einfluss, den diese Dokumentarfillme auf Politik und Globalisierungsdenken ausüben, überhaupt abschätzen? Innerhalb des politischen Spektrums der USA kommt man auch hier nicht an Michael Moore vorbei. Fahrenheit 9/11 hatte den einzigen Zweck George W. Bush und seine Regierungsmannschaft zu diskreditieren und damit die Wahlen 2004 zu Gunsten der Demokraten zu beein. ussen. Als Antwort kam am Tag, als Fahrenheit 9/11 auf DVD erschien, auch ein Gegen. lm, Fahrenhype 9/11 auf den Markt. Ebenso wie Michael Moore hates America und Celsius 41.11 bleibt dieser Film aber eine trotzig wirkende Retourkutsche, die kaum Aufmerksamkeit erregte. Michael Moores Erfolg fußt zweifelsohne auf seiner Direktheit, seinem Aktionismus. Die besten Passagen seiner Filme sind jene, in denen er persönlich aktiv wird, um Basisdemokratie zu betreiben, wie etwa den Senat per Lautsprecher über den ›Patriot Act‹ zu informieren oder Vorstandsmitglieder der großen Konzerne mit persönlichen Schicksalen zu konfrontieren. Themen, wie die Verquickungen von Geldgebern und Machthabern in der ›Carlyle Group‹ oder das Wissen über den neokonservativen, unilateralistischen und kriegsbejahenden Think Tank ›Project for The New American Century‹ (kurz: PNAC), dessen Gründungsmitglieder aus dem Jahre 1997 die heutige Bush-Administration zusammensetzen, war vor Michael Moore nur in verschwörungstheoretisch anmutenden Internet-Foren diskutiert worden.

Der Ausgang der Wahlen und die weiterhin strenge Spaltung des Landes in Demokraten und Republikaner, in Kriegsbefürworter und Kriegsgegner, bewies nicht nur, dass in Kriegszeiten – Bush hatte sich oft genug als ›War President‹ bebezeichnet - und in Zeiten der allgemeinen Angst mit ständig sich erneuernden Terrorwarnungen, das amerikanische Volk trotz aller Fehlschläge mehrheitlich gegen einen Führungswechsel war, sondern auch, dass dagegen weder der Einsatz eines Michael Moore noch der von Musik- und Hollywoodstars, die junge Wähler mobilisieren sollen, fruchtete. Eminem etwa hatte kurz vor den Wahlen im Video zu seinem neuen Song Mosh zur kollektiven Wählerregistrierung aufgerufen und Bush als Lügner beschimpft. Erreicht werden mit diesen Botschaften letztlich nur jene Wähler, die sowieso mehrheitlich für den liberalen Kandidaten stimmen würden.

Ob das linkspolitische Infotainment, in das Michael Moores Filme sicherlich fallen, langfristig gewachsenes, traditionelles Wählerverhalten beeinflussen und die starke rechtskonservative Tendenz in der amerikanischen Gesellschaft aufhalten wird können, scheint im derzeitigen Amerika zumindest anzweifelbar.

Eine Angriffsfläche für politische Dokumentationen bietet auch die nachrichtenideologische Auffassung der Fox News und ihres Besitzers, des Medientycoons Rupert Murdoch. In seinem Film Outfoxed bietet Robert Greenwald Einblick in die mediale Zensur innerhalb des Senders, der seinen Redakteuren, wie Greenwald durchStatements ehemaliger Mitarbeiter belegt, die politische Linie aufoktroyiert. Auch im 2003 erschienen und in den USA äußerst erfolgreichen Dokumentar&#64257; lm The Corporation von Mark Achbar, Jennifer Abbott und Joel Bakan kommt die Situation bei Fox News zur Sprache, wo eine Story über die Hormongabe an Kühe durch die Firma Monsanto von eben diesem Konzern in Zusammenarbeit mit der Senderleitung unterbunden wurde.

Die Einflussnahme von Corporate America betrifft nicht nur die Politik und die Medienlandschaft, der Konzern ist zur beherrschenden Organisationsform in der menschlichen Gesellschaft geworden. So zumindest die Aussage von The Corporation. Der Film vergleicht die Stellung des Konzerns mit der von Kirche, Monarchie und Kommunismus zu anderen Zeitpunkten der Geschichte.

Die Macht dieser Institution gründet allerdings nicht mehr so sehr auf Ideologien, sondern auf reinem Profitdenken. Die Auswucherungen, die das kapitalistische Wertesystem innerhalb der letzten Jahrzehnte angenommen hat, stellen politische Umwälzungen in den Schatten oder sind gerade deren Ursachen. Die massive Einmischung von Konzernen – mit aktiver Unterstützung der US-Regierung – in die politische undökonomische Entwicklung Lateinamerikas, ist nur eine der Monstrositäten, die The Corporation anprangert. Die Aufklärungsarbeit, die der Film leistet, ist wesentlich profunder als die in den Filmen von Michael Moore, neben renommierten Politologen wie Naomi Klein oder dem Paradeintellektuellen Noam Chomsky kommen auch Vorstandsmitglieder von Konzernen zu Wort, der Anspruch ist wissenschaftlicher, aber deswegen nicht weniger emotional bewegend. Der Machtlosigkeit, mit der der einzelne diesem System gegenüber steht, überwältigt, auch wenn die Hoffnung gegeben wird, dass durch Eigeninitiative im kleinen Rahmen eine Änderung herbeigeführt werden kann.

Die politische Dokumentation, in welcher Form sie sich auch immer präsentiert, kann letztlich auch keine tiefgehenden Änderungen hervorrufen, doch sie kann Diskussionen hervorrufen und durch ihre vermehrte Popularität Zustände öffentlich machen, die ansonsten einem kleinen Kreis von Aktivisten vorbehalten wären. Die ›Ausweitung der Kampfzone‹ gegen die Globalisierung der Welt ist der Beitrag, den diese Filme zurzeit zweifellos leisten. Informierte Menschen sind kritische, politische Menschen. Dies ist die eigentliche Botschaft von The Corporation. Und nur über die Mitbestimmung des Einzelnen – die aus eigener Initiative erwachsen muss – über die Verwertung unserer Ressourcen, über die Zukunft unseres Planeten, kann ein Schritt in Richtung einer Demokratisierung der Wirtschaft gehen. Dafür ist die politische Dokumentation ein eminent wichtiges Vehikel. Ihre Wirkung kann als Initialzündung für einen breit angelegten Diskurs und als Mittel zu einer grundlegenden Aufklärung verstanden werden.

Michael Moore weiß um seine Möglichkeiten und er schöpft alle Ressourcen aus, um seine Ziele zu erreichen. Populismus darf auch von liberaler Seite kommen, solange er einer guten Sache dient, meint Moore. Nur die Aufmerksamkeit der breiten Öffentlichkeit, die er mit Hilfe von Boulevard und Megaplex-Tempeln zu erreichen vermag, kann ihn und die Liberalen Amerikas ihrem Ziel näher bringen. Nicht nur einen Machtwechsel herbeizuführen, sondern vieles, was der amerikanischen Kultur eigen ist, wie etwa den Unilateralismus zu überdenken, ist zentrales Anliegen.

Die letzten Wahlen haben jedoch deutlich gezeigt, dass Moores Vendetta gegen Bush wenig Früchte trug. Das Land bleibt gespalten. 2008 gibt es eine neue Chance, die Frage bleibt nur, ob Moore bis dahin noch eine solche Popularität wie in den letzten Jahren genießen wird. Vielleicht ist bis dahin der Boom der politischen Dokumentation auch schon wieder vorbei.