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von Tom Reider,
Illustrationen von Judith Keles
Ich habe mir einen Porno besorgt. Bareback Mountain. Das ist offensichtlich das schwule Pendant zu Schneeflittchen und Mösenrot und wie sie alle heißen. Das Barebacken ist bei Rodeos ein beliebtes Kunststück. Wegen des Fehlens von Steigbügeln ist das sattellose Reiten auf einem Pferd - sowohl für den Reiter als auch für das Tier - eine besondere Herausforderung. Sex ohne Kondom heißt auch so. Die Jungs tragen Cowboyhüte die Musik vielleicht noch: schleppender Country -, ansonsten ist Bareback Mountain ein normal schlechter Porno.
Allem vorweg: Der schwule (Porno-)Film oder das Schwule im Film ist nicht modern. Langfristigzeitgeistig, aber nicht modern. Schließlich haben Heteros zu Herr der Sinne bereits 2001 Türme onaniert. Demnach: Ist es nun, da der Homosexuelle (eigentlich schon mit Rosa von Praunheim 1972) doch nicht pervers ist, sondern die Situation, in der er lebt, und er quasi salonfähig wird wie Rosa (diesmal eine andere) Parks, an der Zeit den ›Schwanz auf den Tisch zu legen‹ - wie wir so schön sagten in unserem unbehaarten
Jugend-Jargon - und den Schokostechern, Warmen Brüdern und Schwanzlutschern Projektionsflächen einzuräumen?
Ein lautes Tonfilm-Ja, ein Jaaa aus cineastischen Coitus Interrupti. Nicht nur mit Schneeflittchen & Co. nämlich sind die Mumustecher, Feuchten Schwestern und Tamponlutscher dem Homo-Film mehr als einen Akt voraus, besonders das seriöse Kino ist in dieser Betrachtung die Feuerwaffe zum Faustkeil: Das schwule Kino steht quasi bei Casablanca. Und wie Casablanca gut war, ist auch Brokeback (diesmal Brokeback) Mountain gut. Nur: Wer übernimmt die Camerons für den reifenden Gay Sci-Fi, die Cravens für den Homo-Horror? JA, es ist Zeit die Projektionsfläche um Caprio-Paxton-Küsse (auf sinkenden Schiffen) und Monster AGays zu erweitern. Und NEIN, Homo ist kein Genre. Play it once, Sam. For old times‘ sake! Sonst holt das kein verdammter Running Man mehr auf...
Nach den glorreichen Gloryhole-Jahren der 20er Jahre nämlich, wo zwischen den beiden Weltkriegen kurzfristig ein bisschen Platz für Freiheit möglich war, gelangte in Deutschland eine ›unerhörte Masse gröberer Geschütze‹ (Martin Cornils, Vorsitzende zum Jugendschutz 1919) zur Projektion. ›Mit dem Film Anders als die Andern wurde das Gebiet des Perversen betreten‹, Cornils weiter. Im Jahr 1919 - die Österreicherinnen dürfen bei der konstituierenden Nationalversammlung im Februar zum ersten Mal wählen - startet also die leinwande Perversion.
Richard Oswald, der 1880 in Wien geborene Regisseur und Autor, tut sich mit Magnus Hirschfeld zusammen und macht den ersten expliziten Schwulenfilm der Filmgeschichte. Darin wird ein Musiker von einem Stricher erpresst. Irgendwann weigert sich Paul Körner (der Musiker) zu zahlen und landet prompt vor dem Richter: Wegen des Verstoßes gegen den Paragraphen 175. In dem folgenden Gerichtsverfahren hält Dr. Magnus Hirschfeld (der sich selbst spielt) ein alle Konventionen sprengendes zweiminütiges (weiß auf schwarz zu lesendes) Plädoyer für Akzeptanz und Toleranz. Der Stricher wird der Erpressung wegen verurteilt. Paul Körner wegen Vergehens gegen den Paragraph 175. An dem rigiden gesellschaftlichen System, der resultierenden Schande,
wird Paul Körner zugrunde gehen und schließlich Selbstmord begehen.
Klingt ein wenig wie ein Echo vom Brokeback. Nur stummer und kurzlebiger: 1920 - im Hofbräuhaus wird im Februar die NSDAP gegründet - ist der Film bereits verboten. 85 Jahre später kassiert Ang Lee hingegen drei Oscars für sein ›gröberes Geschütz‹. Was hat sich also getan an der Front? Und wer ist wie dafür verantwortlich? Und dann noch: ist der Homo-Film tatsächlich erst in Casablanca?
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