Vincent Vito Gallo - Sozio Pate oder AGent Provocateur?



(c) Sabine Lorenz

von Manuel Blechschmidt,
Illustration von Sabine Lorenz

Mehr noch als in anderen Kunstformen spielt im Film die willentliche Beeinflussung menschlicher Rezeption eine große Rolle. Wir sehen und hören, was der Regisseur will, dass wir sehen und hören. Besonders bei der jungfräulichen Konfrontation mit einem filmischen Werk gilt es sich mit einem solchermaßen 'erzeugten' ersten Eindruck auseinanderzusetzen. Als Resultat eines manipulativen Akts der Erschaffung ruft dieser erzeugte erste Eindruck eines Films notwendigerweise Wahrnehmungsdissonanzen im Seher hervor, die außerhalb einer objektiven Bewertungsskala liegen müssen. Jeder hat persönliche Erfahrungen, die sich entweder mit dem Gezeigten decken oder sich an selbigem stoßen. Jeder erkennt sich beziehungsweise jemanden wieder oder eben nicht. Das Ausmaß, in dem dies (nicht) geschieht, erhöht (senkt) den Genuss des Films.


Gleichermaßen verwischt der erste Eindruck jedoch auch die Grenze zwischen Fiktion und Realität: unter der Aufsicht des Filmherrchens bekommen die beiden wohldosierten Auslauf und werden nach Gutdünken an kurzer oder langer Leine gehalten. Ein Film sagt nicht nur etwas über uns, sondern auch über dessen Macher aus. Wenn wir uns von einem erzeugten ersten Eindruck angesprochen fühlen, so wollen wir auch den dafür Verantwortlichen und dessen Leben kennen lernen. Wir könnten in ihm einen neuen Freund entdecken. Schließlich ist er ein bisschen wie wir. Und wir wie er. Das will er uns doch zeigen. Nicht wahr?


Auftritt Vincent Gallo: Filmemacher, Schauspieler, Musiker, bildender Künstler, Fotomodell, Journalist, Szenemensch. Unter anderem. Der filminteressierten Allgemeinheit müsste Gallo durch mehr oder weniger flamboyante Nebenrollen in Filmen wie Arizona Dream (1993), Palookaville (1995), The Funeral (1996) oder L.A.Without a Map (1998) bekannt sein. Unteranderem. Für weitreichenderes Aufsehen allerdings sorgte er erstmals im Jahre 1998 mit seinem Regiedebüt Buffalo ’66. In diesem Film gelingt es dem Schauspieler und Regisseur Vincent Gallo ein überzeugendes Porträt eines verklemmten, kotzbrockigen Soziopathen zu übermitteln, dessen Resozialisierungsprozess nach einem ungerechtfertigten Gefängnisauf-enthalt dank der gefügig-zickigen Annäherung der verlegenheitsentführten Behelfsehefrau (gespielt von Christina Ricci) ein romantisches Ende findet. Keuch.


Was an Buffalo '66 auffällt, ist vor allem die minutiös eingefangene Gefühls-landschaft von Gallos Charakter Billy. Dessen innere Zerrissenheit und Einsamkeit wird gleichzeitig visuell unterstützt durch Bilder der feucht-kalten Stadt Buffalo. Mit Hilfe von geschickt eingesetzten Flashbacks wird der Ursprung von Billys tiefer narzisstischer Kränkung eindrucksvoll offen gelegt, vielleicht sogar gerechtfertigt. Vor allem in diesen kurzen Mon-tagen und am besten wohl in den Konfrontations-Szenen mit Billys Eltern kommt aber auch ein anderes dramaturgisches Hilfsmittel zum Tragen: Humor. Buffalo '66 ist gespickt mit surrealen Exkursen und skurrilen Dialogen, die der Geschichte einen merkwürdig humanen Touch geben. Merk-würdig deswegen, weil unser Lachen die Schafswolle unter dem Wolfspelz des Protagonisten durchschimmern lässt, die wir sonst kaum entdeckt hätten. Gleichzeitig heißt dies auch, dass sich der Regisseur Mehrdimensionalität attribuiert. Das ist der erzeugte erste Eindruck. Ich, beziehungsweise ich in meinem Charakter, fühle. Nicht wahr?


Die Sache wird komplizierter mit Vincent Gallos Zweitwerk The Brown Bunny (2003). Zuerst werden wir auch darin Zeuge einer mutigen bis wagemutigen Seelenschau. Die Kamera begleitet den Motorradrennfahrer Bud Clay - erneut Gallo himself - auf seiner Reise quer durch die Vereinigten Staaten und an den Rand der Verzweiflung. Diesmal sitzen wir noch nä-her an Gallos Charakter: mehr noch, wir sind Beifahrer und eingeladen den letzten Rest des Wolfspelzes abzukratzen. In endlosen Einstellungen schauen wir dabei zu, wie Bud leidet und seine Einsamkeit an scheinbar wahllos aufgegabelten Frauenbekanntschaften abzustreifen versucht. Es mag ihm jedoch einfach nicht gelingen, seine verlorene Liebe in Los Angeles zu vergessen. Letztere (Chloe Sevigny) wird daher schlussendlich heim-gesucht und darf in der Funktion der Wurzel allen Übels den Sündenbock spielen. Mehr DARF sie nicht. Fühlt man. Während es Ricci in Buffalo '66 noch gelingt aus ihrem streng limitierten Freiraum Kapital zu schlagen, ist Sevigny in The Brown Bunny diese Chance von Grund auf verwehrt. Zu kurz ihr Auftritt, zu symbolisch ihr benebeltes Auftreten. Fühlt man. Symbolisch für etwas, das langsam durchsickert. Sich stetig zu einem riesigen Tropfen formt und bedrohlich an der Dachkante hängt. Fühlt man. Auch die Öffentlichkeit hat davon Wind bekommen. Hier spielt jemand Katz und Maus. Wenn man es so sehen will.


Auftritt Vincent 'Vito' Gallo: Bekennender Republikaner, Spermaspender (eine Million Dollar für In-vitro-Befruchtung, Rabatt für naturblonde, blauäugige Frauen), Wochenend-Eskorte exklusiv für Frauen (ab 50.000Dollar plus Spesen) und leidenschaftlicher Minderheitendisser. Ein Mann, dessen Ruf ihm vor langer Zeit davongeeilt ist und der sich seither nur noch zurückzulehnen und dem Spektakel zuzusehen scheint. Wenn man unbeliebt ist, tun einem die anderen viele Gefallen. Man ist auf eine sehr komplizierte Art und Weise beliebt, wenn man unbeliebt ist. In Vincent Gallos Fall liegt die Komplikation in der Reibung zwischen seinem filmischen Werk und der Persona 'Vincent Gallo'. Das weiß er sehr genau. Genau wie er weiß, dass der Macher dieser beiden künstlichen Welten schlussendlich auch wie Frankenstein mit seinem Monster leben muss. Wo ist das Problem?
Das Problem bleibt letztendlich beim Beobachter hängen, dem (un)gewollten Zeugen dieser Lebensgemeinschaft. Dessen unbedarfte Betrachtung von Buffalo '66 und The Brown Bunny wird durch Gallos provokativen Imagekrieg brutal vergewaltigt. Wenn Kritikergott Roger Ebert The Brown Bunny als den schlechtesten je in Cannes gezeigten Film bezeichnet, ist das eine postmoderne Empfehlung; wenn aber Vincent Gallo dem Autor dieser Worte postwendend einen Krebs an den Hals wünscht, ist das eine Verfehlung. Postmoderne hin oder her. Wir sind verwirrt. Will hier jemand das Spiel nicht verstehen oder hat hier jemand tatsächlich giftige Gedanken? Gallo leitet Interviews nicht selten mit einer diffusen Mischung aus Rechtfertigungen und Rundumschlägen gegen die schreibende Zunft - die Kritiker - ein. Attacken, die von einer weit größeren Angriffsfläche zeugen, als dies der selbstreflexivmachoiden Eigenprojektion Gallos entsprechen müsste. Der Mann sollte eigentlich mutig genug sein, feige zu wirken. Oder gar schwach?


Im Gegensatz zum schwarzen Loch der Medienlandschaft hat Gallo auf Celluloid die Regler in der Hand und die Umwelt im Griff. Seine Filme sind Bilderbuchbeispiele ästhetischer Präzision. Praktisch jede Einstellung ist an jenem Ort, den Filmästheten als den goldrichtigen ansehen würden. Es ist jedoch eine andere Einstellung - die des Regisseurs - die das Gesamtbild unscharf macht. Denn Polemiker, genau wie auch Filmästheten, sehen manchmal zu sehr mit dem Kopf und lassen das Herz dort, wo es ihnen vor langer Zeit hingerutscht ist: in der Unterhose. Und aus einer solchen zieht Chloe Sevigny schließlich Gallos letzten Trumpf heraus. Den ultimativen Beweis seiner evolutionären Überlegenheit - der Vormachtstellung des erigierten Selbstbilds gegenüber der künstlerischen Bescheidenheit. Genau wie Sevigny haben wir mit so viel Größe zu kämpfen.


Vincent Gallo ist, wie er will, dass wir ihn haben wollen. Vincent Gallo ist ein Spiegelbild, eine Projektionsfläche dessen, für das wir ihn halten wollen. Er ist eine Projektionsfläche unserer eigenen Vorstellungen, Ängste und Wünsche. Er ist auch ein bisschen in der postmodernen Fußfessel gefangen. Spricht er, in all seiner monströsen Ichsucht, trotzdem zu uns? Und wenn ja, wie viel davon müssen wir verstehen sollen? Vincent Gallo hat eine glitschige Persona kreiert, an deren Fassade jeglicher Angriff zum Abflutschen verurteilt ist. Wie gesagt, ich misstraue ersten Eindrücken. Nur manchmal würde ich viel geben, dass es bei ihnen bleibt.